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10. Dezember 2016

Besuch einer Delegation der Ostsee-Rad-Klassik bei den Partnern in Uganda

Abgelegt unter: Allgemein — bellmann @ 22:00

Den Stolz und die Freude von John Sserunjogi werden die sechs Teilnehmer der Rostocker Ostsee-Rad-Klassik so schnell nicht vergessen. Sie sind zu Besuch beim Masaka Cycling Club in Uganda und haben soeben das Fahrradrennen mit den Sportlern der Clubs beendet. John Sserunjogi ist als Vierter über die Ziellinie gefahren – nach dem Sieger Paul Kato und dessen Zwillingsbruder Puter Klasswa sowie beider Vater Joseph Kazema. Trotzdem bekommt John das aus Rostock mitgebrachte Fahrrad – die ersten drei haben das Feld deklassiert - auf aus der Hauptstadt Kampala mitgebrachten Rennrädern. John hingegen fuhr auf einem der einfachen lokalen Räder ohne Schaltung. Nach 44 km hatte er trotzdem nur wenige Sekunden Rückstand. Die nächsten Fahrer kamen erst weit abgeschlagen.

Auch die drei deutschen Teilnehmer des Radrennens Eckhard Heinemann, Michael Tesch und Bernd Geist bestritten das Rennen – ebenfalls auf lokalen Rädern. Das Team der Ostsee-Rad-Klassik hat drei dieser Räder vor Ort gekauft und stellt sie den Siegern als Preis zur Verfügung. Chancen, entscheidend in den Rennverlauf einzugreifen hatten die Deutschen nicht. Die einfachen Räder, die ungewohnte Führung des Rennens durch den Straßenverkehr und vor allem die nur dürftig funktionierenden Bremsen ließen die drei Sportfreunde das Rennen eher vorsichtig angehen. Ganz im Gegensatz zu den Sportlern aus Uganda, die sofort in vollem Tempo losfuhren und am Ende mit einem Schnitt von etwa 35 km/h das Rennen absolvierten.

Die Gruppe aus Rostock befindet sich auf einem zweiwöchigen Besuch in der Region Masaka. Die hier ansässige Organisation Caritas Maddo ist Partner für den Aufbau der Ausbildungswerkstatt für Fahrrad und Motorradmechaniker, der durch den Erlös der Ostsee-Rad-Klassik unterstützt wird. Und um das Projekt der Lehrwerkstatt erfolgreich umsetzen zu könne, ist es wichtig, einiges über die Region und die Lebenssituation der Menschen vor Ort zu erfahren.
Peter Ssenkaayj und Passy Nabulya, beides leitende Mitarbeiter bei Caritas Maddo, haben ein straffes Programm für die Gäste organisiert. Die ersten Tage besucht die Gruppe Schulen und Berufsausbildungswerkstätten. Für viele Jugendliche ist es schwer, die Ausbildung zu finanzieren. Noch immer leidet das Land unter den Folgen der AIDS Epidemie. Viele Kinder haben ihre Eltern verloren, werden von nahen Verwandten versorgt, die aber auch eigene Kinder haben, und sich so nicht selten um zehn und mehr Kinder kümmern. Eine gute Ausbildung ist teuer und so kann sie nicht für alle Kinder sichergestellt werden. Deshalb hat Caritas Maddo auch ein System etabliert, das eine „Spar-Ausbildung“ ermöglicht, die besser als gar keine Berufsausbildung ist. In einjähriger Ausbildung erlernen die Kinder in der Praxis grundlegende Fähigkeiten eines Berufs.
Einer, der ein solches Programm unterstützt, ist Mr. Kasana (55 Jahre). Er betreibt am Rand der Stadt Masaka eine kleine Fahrradwerkstatt. Bei ihm arbeiten neun Lehrlinge im Alter von 12 bis 20 Jahren. Sie zahlen ihm ein kleines Entgelt (300.000 Uganda Shilling pro Jahr, das sind etwa 80 €) und lernen, wie man Fahrräder repariert. Einen offiziellen Abschluss bekommen sie so nicht, aber sie können das Gelernte anwenden. Der Gruppe aus Deutschland ist schnell klar, dass sie dieses Engagement gern unterstützen wollen und am nächsten Tag fahren sie noch einmal zu Mr. Kasana und übergeben der Werkstatt einige mitgebrachte, vom Radhaus in Rostock zur Verfügung gestellte Werkzeuge und einige Rad-Trikots.

Was eine kleine Unterstützung für eine Familie bedeuten kann, wird beim Besuch der 25-jährigen Catherine Nabasumba deutlich.
„Ich kenne Catherine und die Familie seit etwa zehn Jahren“, sagt Olaf Bellmann. „Die Mutter Polly musste ihre 5 Kinder allein großziehen. Sie waren auf ein preiswertes Stück Land gezogen, lebten von dem, was sie mit Anbau von etwas Gemüse und Obst verdienen konnten. Das Haus war baufällig, das Dach undicht. Es gab keinen Strom.“ Polly und ihre mittlere Tochter Catherine waren damals sehr aktive in einer Gruppe Frauen, die sich zusammengeschlossen hatte, um den Alltag gemeinsam zu meistern. Caritas Maddo unterstütze diese Gruppen, bildete sie in integrierter Landwirtschaft, Hygiene und Gesundheit, Marketing eigener Produkte aus. Nach zwei Jahren wurde der Familie von Polly durch ausländische Sponsoren eine Kuh zur Verfügung gestellt. Das erste weibliche Kalb musste Polly an eine andere bedürftige Familie weitergeben. Aber über den Verkauf der Milch und der Nachzucht stieg die ökonomische Sicherheit der Familie.
„Mittlerweile hat die Familie das Haus renoviert, es gibt ein neues Dach, sogar an das Stromnetz sind sie jetzt angeschlossen. Ein Bullenkalb wurde verkauft und damit das Studium des Sohnes Fred finanziert.“ ergänzt Bellmann. Catherine fand über den Rostocker Verein Nachami e.V. einen Sponsor für ihre Krankenschwesterausbildung und betreibt heute gemeinsam mit ihrem Mann in einer kleinen Stadt kurz vor der Grenze zu Tanzania eine Gesundheitsstation, in einem Ort, der nur gelegentlich von einem Arzt besucht wird. Sie haben eben ihr neugebautes Haus bezogen und die Rostocker Gruppe zum Essen eingeladen.

Später besuchen die Rostocker ein Krankenhaus, die von Caritas Maddo aufgebaute und betriebene Molkerei, eine weitere Radsportgruppe. Diese veranstaltet Rennen im Dorf Kkindu. Hier gibt es keine asphaltierten Straßen und die Jugendlichen fahren ausschließlich auf lokalen Rädern. Die Fahrer, von denen der jüngste 14 und der älteste 46 Jahre alt ist, fahren eine 20-km-Runde, bei der sie teilweise mit über 40 km/h die steilen staubigen Abfahrten bewältigen. Überall an der Piste stehen Zuschauer und feuern die Fahrer an. Bodaboda-Fahrer folgen auf ihrem Mopeds jeden der Radsportler, um ihn im Falle einer Panne helfen zu können und um sie anzufeuern.
Auch hier überreichen die Rostocker dem Sieger ein neues Fahrrad und an die Gruppe Trikots und Werkzeug.

Am Ende des Aufenthaltes werden die Ideen für die gemeinsame Lehrwerkstatt konkretisiert. Neben einer zertifizierten Ausbildung an einer der Berufsschulen wird es auch eine kleine Werkstatt im Dorf Kkindu geben, um den dortigen Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, ihre Räder zu reparieren und den Mechanikerberuf zu erlernen. Außerdem sollen die beiden Radsportgruppen unterstützt werden. Auch sollen für interessierte Jugendliche Sponsoren für die entsprechende Ausbildung gefunden werden. Caritas Maddo wird die Arbeit vor Ort leiten.

John Sserunjogi nimmt sofort sein neues Rad in Augenschein, stellt gemeinsam mit seine Teamkollegen alles für seine Größe ein und dreht voller Stolz die ersten Runden. Dazu trägt er eines der von der Ostsee-Rad-Klassik zur Verfügung gestellten und von Feliks Büttner entworfenen Tour-Trikots.
Michael Tesch, aus dem Radhaus in Rostock, fragt John, wie er denn seine Chancen mit dem neuen Rad sieht, den technisch überlegenen Konkurrenten im nächsten Rennen Paroli zu bieten. John lächelt selbstbewusst und siegessicher: „I will challenge them!“ – Ich werde sie herausfordern!

Die kleine Werkstatt von Mr. Kasana (im Hintergrund) am Stadtrand von Masaka mit einigen seiner Lehrlinge.

Michael Tesch vom Radhaus Rostock übergibt einige Werkzeuge und Trikots an die Werkstatt von Mr. Kasana.

Bernd Geist, Eckhard Heinemann und Michael Tesch (v.i.) vor dem Start des Radrennens mit Mitgliedern des Masaka Cycling Clubs

Zielsprint des Rennens - Sieger Paul Kato vor dessen Zwillingsbruder Puter Klasswa sowie beider Vater Joseph Kazema

John Sserunjogi fährt als Vierter über die Ziellinie – als erster auf einem lokalen Rad

Bei der Siegerehrung werden Trikots der Ostsee-Rad-Klassik übergeben, die Teilnehmer der Tour in Rostock gespendet haben. Entworfen wurde das Trikot von Feliks Büttner. V.l. Michael Tesch, Olaf Bellmann, Pass Nabulya, Rolf Oerter

Gruppenbild der Reisegruppe mit den Mitgliedern des Masaka Cycling Clubs

John Sserunjogi testet sein neues Rad

Teilnehmer des Radrennens im Dorf Kkindu

Lange nach dem Sieger überquert der jüngste Teilnehmer des Rennens die Ziellinie in Kkindu und wird von den Fans frenetisch bejubelt.

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